Deine Probleme sind keine Herausforderungen!
- Simon Former
- 16. Juli 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 28. Aug. 2025
Wann Reframing selbst zum Problem wird – und wie man es richtig einsetzt.
„Wir haben keine Probleme – nur Herausforderungen.“ Schon mal gehört? Vielleicht sogar selbst gesagt? Bei mir war es so, häufig sogar. Das klang erstmal motivierend. Denn es katapultiert uns aus der Opferrolle direkt rein in die Lösungskompetenz. Doch was als gut gemeintes Reframing beginnt, wird schnell zur kulturellen Plattitüde – mit riskanten Nebenwirkungen.
Denn während es jedes noch so kleine Problem auf die Projektlisten schafft, gehen die schwerwiegenden Probleme in den konkurrierenden Prioritäten unter. Und bremsen so Organisation und wirtschaftlichen Erfolg.

Reframing – was war das nochmal?
Reframing ist ein zentrales Werkzeug im systemischen Denken und Handeln. Es beschreibt die bewusste Veränderung der Perspektive auf eine Situation oder ein Verhalten mit dem Ziel, neue Bedeutungen und Handlungsmöglichkeiten zu erschließen. Die Grundannahme dabei ist, dass unsere Wirklichkeit keine objektive Tatsache ist, sondern das Ergebnis unserer Deutungen. Und diese lassen sich verändern.
In der systemischen Praxis unterscheidet man zwischen zwei Formen:
Kontextreframing: die gleiche Situation wird in einem anderen Rahmen betrachtet.
Bedeutungsreframing: ein Verhalten oder Ereignis bekommt eine neue, funktionale Bedeutung.
Virginia Satir, berühmte Psychotherapeutin und Pionierin der systemischen Familientherapie, nutzte Reframing als eine der Ersten gezielt, um Ressourcen sichtbar zu machen und Beziehungsmuster zu transformieren. Sie verstand Reframing als tiefgreifende Veränderung der inneren Landkarte.
Entscheidend dabei ist: Das Reframing darf die Realität nicht verzerren. Es soll nicht beschönigen, sondern klären und dabei neue Handlungsspielräume öffnen.
Wann Reframing wirkt und wann nicht?
Reframing kann eine kraftvolle Intervention sein, wenn es richtig eingesetzt wird. Entscheidend ist, wann und wie es angewendet wird. Denn zwischen entlastender Perspektiv-Veränderung und unreflektierter Schönfärberei liegt ein schmaler Grat.
Reframing wirkt, wenn…
…es auf einer echten Auseinandersetzung mit der Situation basiert. Nur wer ein Problem wirklich verstanden hat, kann es sinnvoll neu einordnen.
…es dazu beiträgt, aus der Problemtrance herauszukommen, Denkblockaden zu lösen und neue Optionen zu entwickeln.
…es achtsam kommuniziert wird, ohne die Gefühle oder Perspektiven der Beteiligten zu übergehen.
Reframing schadet, wenn…
…es zum Automatismus wird: Jede Kritik, jede Schwierigkeit wird reflexartig positiv „umgedeutet“.
…es zur Vermeidung unangenehmer Wahrheiten dient, z.B. bei strukturellen Problemen, Konflikten oder Überforderung.
…es Druck erzeugt, stets lösungsorientiert und resilient wirken zu müssen.
Reframing ist kein Ersatz für Analyse und Dialog. Es funktioniert dann am besten, wenn es achtsam, empathisch und kontextsensibel erfolgt. Wenn es als Einladung zum Perspektivwechsel dient und nicht als Zwang zur Positivität.
Wenn aus Problemen „nur“ Herausforderungen werden - die Schattenseite des Reframings:
In Organisationen kann das reflexhafte Umdeuten von Problem zu Herausforderungen zu fehlenden Problembewusstsein führen und fatale Folgen haben:
Verleugnung & Verharmlosung
Wer nur noch Herausforderungen sieht, erkennt oft keine Eskalation mehr. Wenn ernsthafte Probleme als "Herausforderungen" umetikettiert werden, kann dies dazu führen, dass ihre Schwere unterschätzt wird und notwendige Maßnahmen zur Problemlösung verzögert oder sogar nicht ergriffen werden.
Erhöhter Leistungsdruck
„Positiv denken“ wird zur Pflicht und Kritik zur Schwäche. Durch das Reframing wird der Druck erhöht, stets positiv reagieren zu müssen. Mitarbeiter könnten sich gezwungen fühlen, Probleme zu verharmlosen oder zu ignorieren, um den Anschein von Stärke zu wahren.
Wer Probleme permanent als Herausforderungen bezeichnet, signalisiert indirekt, dass es unerwünscht ist, Probleme als belastend oder stressig zu empfinden. Dies kann emotionalen Druck erzeugen, zu Erschöpfung und innerer Kündigung führen.
Fehlende Dringlichkeit bis Prioritätenchaos
Ein Problem impliziert oft, dass etwas schnell gelöst werden muss. Eine Herausforderung kann hingegen als weniger dringlich wahrgenommen werden, was die Problemlösung verzögern kann. Andersrum können aus unwichtigen Problemen, pseudo-wichtige Herausforderungen werden und Initiative folgen, wodurch Prioritätenkonflikte entstehen, da unwichtige Probleme zu Aktionen führen.
Wie man ungewolltes Reframing kontert
Wenn Probleme reflexhaft zu „Herausforderungen“ umgedeutet werden, ohne dass ihre Tiefe oder Tragweite erfasst wurde, braucht es vor allem den Mut, Stopp zu sagen. Hier einige praktische Interventionen und Formulierungen, die du nutzen kannst:
„Mir ist bewusst, dass wir lösungsorientiert sein wollen, aber manchmal ist der erste Schritt zur Lösung, das Problem klar zu benennen.“
„Ich schätze den positiven Blick, aber gleichzeitig habe ich Sorge, dass wir wichtige Warnsignale übersehen, wenn wir es zu früh umdeuten.“
„Ich frage mich, ob das Reframing gerade hilft oder ob es verhindert, dass wir etwas wirklich Wichtiges sehen. Was denkt ihr?“
„Ich glaube, wir laufen Gefahr, etwas schönzureden, das eigentlich kritisch ist. Wäre es okay, wenn wir das erstmal als Problem besprechen ohne es gleich positiv zu wenden?“
Fazit
Probleme dürfen und müssen zunächst als das benannt werden, was sie sind: Hinweise auf etwas, das nicht gut läuft. Probleme sind das Delta von abweichenden Soll-
und Ist-Zuständen und diese Unterscheidung beinhaltet wertvolle Informationen. Erst wenn sie ernsthaft analysiert, verstanden und im besten Fall gemeinsam bearbeitet wurden, kann ein Reframing sinnvoll sein. Als Einladung zur neuen Perspektive, nicht als Ersatz für Auseinandersetzung.
Coaching und Beratung helfen dabei Probleme zu erkennen, einzuordnen und aus Problemen echte Entwicklungsräume zu machen.



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